Die Kleine Eiszeit

Kapitelübersicht - Vormoderne Umwelten - Die Kleine Eiszeit

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Die Kleine Eiszeit    

Wege der Erinnerung

  1. Vorgeschichte
  2. Aufgabe der mittelalterlichen Kolonien auf Grönland und Island
  3. Pest und Cholera
  4. Judenpogrome, Hexenverfolgungen und strafender Gott
  5. Kalte Kunst und Todeskunst
  6. Französische Revolution
  7. Die Erinnerung an die Kleine Eiszeit
  8. Historiker und Klimadeterminismus

 

Verwandte Themen

Nachhaltige Waldwirtschaft, Grote Mandrenke, Wintersport, Bußwallfahrt zr Mutter Gottes, Oderbruch

 

Literatur

David Archer, The Long Thaw. How Humans Are Changing the next 100,000 Years of Earth's Climate. Princeton and Oxford 2009.

 

Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. München 2007.

 

Brian Fagan, The Little Ice Age. How Climate Made History 1300-1850. New York 2002.

 

Fußnoten

[1] Vgl. Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. München 2007 und Brian Fagan, The Little Ice Age. How Climate Made History 1300-1850. New York 2002.
 
[2] Vgl. Behringer, Kulturgeschichte; Fagan, The Little Ice Age und David Archer, The Long Thaw. How Humans Are Changing the next 100,000 Years of Earth's Climate. Princeton and Oxford 2009, S. 92-93.
 
[3] Vgl. Alfred Crosby, Ecological Imperialism. The Biological Expansion of Europe. 900-1900. Cambridge 1988, S. 44-56.

 

[4] Vgl. Wolfgang Behringer, Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. München 2007, S. 142-148.

 

[5] Vgl. Ibid., S. 217-220.

 

[6] Vgl. Ibid., S. 169-202.

 

[7] Vgl. Behringer, Kulturgeschichte, S. 215-216 und Brian Fagan: The Little Ice Age. How Climate Made History 1300-1850. New York 2002, S. 149-166.

 

[8] Vgl. Ibid.

 

[9] Vgl. Emmanuel Le Roy Ladurie, The Territory of the Historian. Chicago and Hassocks 1977, S. 293-316.

 

[10] Vgl. Ders., Times of Feast, Times of Famine: A History of Climate Since the Year 1000. New York 1988.

 

Bildnachweis

Hendrick Averkamp (1558-1634): A Scene on the Ice (Erste Hälfte 17. Jh.) – Holländische Eisszene.

Die Kleine Eiszeit bezeichnet in Europa eine Periode relativer Abkühlung. Sie ging einher mit einer Zunahme von atlantischem Packeis, Gletscherwachstum, Unwettern, erheblichen Temperatur- und Niederschlagsschwankungen sowie Missernten. Die Änderung des Klimas und die verschlechterte Nahrungssituation wirkten sich negativ auf die Gesundheit der europäischen Bevölkerung aus. Der Begriff der Kleinen Eiszeit wurde erstmals Ende der 1930er von Francois Matthes (1875-1949) gebraucht. Die Kleine Eiszeit wird von einigen Historikern in einen Zusammenhang mit den Verheerungen des Schwarzen Todes, den Hexenverfolgungen und der französischen Revolution gebracht.[1]
Der Beginn der Kleinen Eiszeit wird unterschiedlich datiert: Einige Datierungen sehen den Beginn der Kleinen Eiszeit in der Zunahme nordatlantischen Packeises in der Mitte des 13. Jahrhunderts, andere Forscher sehen die sieben Hungerjahre (1315-1322) oder aber den Tiefstand von Sonnenflecken zwischen 1645 und 1715 als Indiz für den Beginn der Kleinen Eiszeit. Einig sind sich Forscher jedoch darin, dass die Kleine Eiszeit mit dem beginnenden Rückzug der Gletscher im späten 19. Jahrhundert endete.
Der vorliegende Erinnerungsort orientiert sich an der von Brian Fagan, Wolfgang Behringer und David Archer vorgegebenen Datierung der Kleinen Eiszeit von ca. 1300 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.[2] Aufgrund der fließenden Grenzen des neuzeitlichen deutschen Raumes und der kontinentalen Auswirkungen der Kleinen Eiszeit ist dieser ökologische Erinnerungsort in erster Linie ein europäischer.

 

 

1. Vorgeschichte

Sowohl das mittelalterliche Optimum als auch die Kleine Eiszeit (ca. 1300-1900) liegen in der klimatischen Erwärmungsphase des Holozän. Das mittelalterliche Optimum (ca. 800-1300) zeichnete sich in Europa durch stabile und milde Wetterlagen aus, deren Temperaturen denen der Gegenwart ähnelten. Verlässliche Ernten, ruhige und eisfreie Meere und die Ausweitung von landwirtschaftlichen Anbauzonen bewirkten in Europa zum Einen ein erhebliches Bevölkerungs- und Städtewachstum, zum Anderen ermöglichte es die Kolonisation Islands, Grönlands und der kanadischen Ostküste durch die Wikinger. Steigende Meeresspiegel richteten jedoch an der Nordseeküste Verheerungen an – so entstand zu dieser Zeit in der Folge von Sturmfluten der Jade-Busen. Es ist jedoch umstritten, wodurch diese Phase stabilen und warmen Wetters beendet wurde. Es gibt verschiedene Hypothesen:

  • Ein Rückgang der Sonnenaktivität könnte eine globale Abkühlung bewirkt haben. Tatsächlich lässt sich in zeitgenössischen Dokumenten vor allem des 16. und 17. Jh. ein Fehlen von Sonnenflecken und somit eine geringe Sonnenaktivität nachweisen –dieser Tiefstand wird als Maunderminimum bezeichnet.
  • Eine Zunahme von arktischem Schmelzwasser könnte den Golfstrom abgeschwächt haben. Der Golfstrom sorgt in Europa für niedrige Temperaturen, indem warmes, salziges Oberflächenwasser nach Norden fließt, sich dort abkühlt und in tieferen Meereslagen als kalter Strom zurückfließt. Süßes Schmelzwasser könnte den Sinkvorgang des dichten Salzwassers im Norden durch Verdünnung gestört haben.
  • Durch eine Ausweitung der Gletscher und Eisbedeckung könnte das Rückstrahlvermögen der Erde erhöht worden sein und so Prozesse der Abkühlung noch verstärkt haben (Albedoeffekt).
  • Perioden mit starkem Vulkanismus fallen mit den stärksten Ausprägungen der Kleinen Eiszeit zusammen. Schwebepartikel und ausgestoßene Schwefelgase in der Atmosphäre könnten Sonnenlicht reflektiert und eine weitere Abkühlung bewirkt haben.

 

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2. Aufgabe der mittelalterlichen Kolonien auf Grönland und Island

Laut dem Historiker Alfred Crosby waren die Wikinger mit ihrer Besiedlung von Island (9. Jh.), Grönland (10. Jh.) und Teilen des amerikanischen Kontinents (11. Jh.) die ersten Kolonisten Europas.[3] Bei ihrer Besiedlung profitierten sie von den wärmeren klimatischen Verhältnissen des mittelalterlichen Optimums und konnten auf Island eine Einwohnerzahl von ca. 60.000 erreichen – eine Zahl, die erst im 19. Jahrhundert wieder anzutreffen war. Mit dem Einsetzen der Kleinen Eiszeit änderte sich die Lage für die Kolonisten jedoch dramatisch: Die Seewege wurden durch Packeis bedroht und viele Häfen waren nur noch für kurze Zeit pro Jahr anfahrbar. Gleichzeitig veränderte die Kleine Eiszeit die Ausbreitung der Kabeljauschwärme im Atlantik, sodass geringere Ernten und Vieherträge nicht mehr durch den Fischfang ausgeglichen werden konnten.
Im Gegensatz zu den Inuitjägern waren die agrarisch geprägten Wikinger auf Grönland nicht in der Lage, sich den neuen klimatischen Gegebenheiten anzupassen. Nachdem die östliche Siedlung auf Grönland schon 1350 verlassen war (aufgrund des Permafrosts konnten die Leichen nicht einmal mehr begraben werden), erhielt das norwegische Festland eine letzte Meldung über eine Zaubererverbrennung aus der Westsiedlung im Jahr 1410. Obwohl die isländische Kolonie die Kleine Eiszeit überstand, führten auch hier Ernteausfälle, das Ausbleiben der Fischschwärme und versperrte Schiffsrouten zu einem erheblichen Rückgang der Bevölkerung. Erschwerend hinzu kam die erhöhte vulkanische Aktivität auf Island wie der acht Monate anhaltende Ausbruch des Laki (1783-84).

 

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3. Pest und Cholera

Die Kleine Eiszeit führte auch zu einer Veränderung der europäischen Krankheitskarte. So führte die relative Abkühlung Europas zu einem Rückzug der Malaria übertragenden Anopheles-Mücke, die sich im vorherigen mittelalterlichen Optimum ausgebreitet hatte. Dafür breiteten sich Pest und Fleckfieber übertragende Flöhe und Läuse aus – begünstigt durch einen Rückgang der allgemeinen Körperhygiene.
Die wohl größten europäischen Katastrophen während der Kleinen Eiszeit standen auch in engem Zusammenhang mit dem klimatischen Wandel. Missernten in den sieben mageren Jahren zwischen 1315 und 1321 führten zum Großen Hunger. In einigen Regionen starben bis zu 30 Prozent der Bevölkerung; erstmals ging man dazu über, Tote außerhalb der Städte zu begraben. Auch die 1330er und 1340er waren immer wieder durch Missernten infolge kalter Winter und nasser Sommer geprägt. Dicht gefolgt wurde der Große Hunger von dem Ausbruch der Pest (1346-1352). Der Schwarze Tod, der durch Flöhe übertragen wurde, tötete konservativen Schätzungen zufolge etwa 30 Prozent der europäischen Bevölkerung und entleerte ganze Landstriche – erst um 1560 hatten sich die Bevölkerungszahlen erholt. Der Historiker Wolfgang Behringer hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass neben der Neuheit der Krankheit auch die geschwächten Immunsysteme der Kinder des Großen Hungers eine Rolle gespielt haben könnten, da Mangelernährung in der Kindheit zu einer dauerhaften Schwächung des Immunsystems führt.[4]
Im 19. Jahrhundert gesellte sich eine bis dato auf den indischen Subkontinent beschränkte Krankheit zu den europäischen Plagen – die Cholera. Der Ausbruch des Tamboravulkans im Jahr 1815 führte zu einem Rückgang der Jahresdurchschnittstemperaturen um ca. 3-4°C und das Jahr 1816 wurde von Zeitgenossen als Jahr ohne Sommer bezeichnet. Begünstigt durch weltweite Ernteausfälle im Zuge des Tambora-Freeze, die zu einer gesundheitlichen Schwächung breiter Bevölkerungskreise führte, konnte sich das Bakterium Vibrio Cholerae vom indischen Subkontinent über das Russische Reich bis nach Europa ausbreiten, wo es in den 1830ern erstmals auftrat.[5]

 

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4. Judenpogrome, Hexenverfolgungen und strafender Gott

Obwohl Judenpogrome, Hexenverfolgungen und die strengere Sünden- und Bußökonomie von Kalvinismus und posttridentinischem Katholizismus in erster Linie von der kulturellen Eigendynamik des Spätmittelalters verursacht wurden, kann die Kleine Eiszeit als Katalysator dieser Prozesse verstanden werden. So wurden die heftigsten Judenpogrome seit den ersten Kreuzzügen durch Brunnenvergiftungs- und Ritualmordvorwürfe im Zuge des Schwarzen Todes (1346-1352) ausgelöst, der wiederum durch Missernten und kalte Sommer und Winter begünstigt wurde. Juden wurden so zu Sündenböcken stilisiert, die für die als Strafe Gottes interpretierte Epidemie büßen sollten.
Der Historiker Wolfgang Behringer verweist im Zusammenhang mit der Kleinen Eiszeit auch auf den parallelen Höhepunkt der europäischen Hexenverfolgungen. Laut Behringer führten Krisenjahre mit knappen Ressourcen zu kulturellen und sozialen Konflikten, die sich unter anderem in der Schaffung neuer Sündenböcke ausdrückten. So stieg das Hexereidelikt ab dem 14. Jahrhundert zum paradigmatischen Verbrechen der Kleinen Eiszeit auf und übernahm viele bisher eher jüdisch konnotierte Sündenbockrollen. Nach einer relativ milden klimatischen Phase um 1530 kühlte sich das Klima gegen Mitte des 16. Jahrhunderts weiter ab. Parallel dazu erreichten die Hexenjagden zwischen 1560 und 1660 ihren Höhepunkt, als sich Mangel, Krankheit und Tod im kalten Mitteleuropa ausbreiteten und zwischen 1618 und 1648 auch noch vom Dreißigjährigen Krieg verschärft wurden. Hexen wurden von der Gesellschaft für Wetteranomalien (vor allem Frost und Hagel), mangelnde Fruchtbarkeit der Felder, Kinderlosigkeit und Krankheiten bei Vieh und Mensch verantwortlich gemacht. Da das dominante Gottesbild zu dieser Zeit noch vom Denken der Sündenökonomie geprägt war, wurde das Hexereidelikt von der Gesellschaft zur Sinngebung für die enorme Unsicherheit des Lebens verwendet. Behringer zufolge realisierten aber schon Zeitgenossen, dass Pogrome und Hexenverfolgungen nur zusätzliches Leid verursachten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der personalisierte und strafende Gott jedoch zunehmend durch einen an die Regeln der Naturwissenschaft gebundenen Gott ersetzt. Hungerkrisen und Epidemien in Folge von Klimaschwankungen führten zwar weiterhin zu sozialer Unruhe und Konflikten, wurden aber zunehmend auf schlechte Regierung und Vorsorge zurückgeführt.[6]

 

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5. Kalte Kunst und Todeskunst

Die enormen Mortalitätsraten der Kleinen Eiszeit im Zuge von Missernten, Kriegen und Epidemien wirkten sich auch auf die Kunst aus: So ereignete sich die Blütezeit der Ars Moriendi um 1600 und die Vanitas-Symbolik in der Poesie erreichte mit Peter Gryphius ebenfalls ihren Höhepunkt im 17. Jh.
Das Zufrieren von Gewässern und Flüssen sowie die größeren Schneemengen während der Kleinen Eiszeit hinterließen ebenfalls Spuren in der europäischen Kunst. Während Winterlandschaften zuvor nicht abgebildet worden waren, änderte sich dies im Zuge der schärferen Winter der Kleinen Eiszeit. So malte Pieter Bruegel der Ältere seine ersten Winterlandschaften in Folge des harten Winters von 1565, wobei Bruegel neben der zugefrorenen Landschaft auch winterliche Sportarten wie das Schlittschuhlaufen darstellte. Die flämische Tradition der Winterlandschaftsmalerei beginnt im 17. Jh. mit Hendrick Avercamp, der die populären Motive an wohlhabende Familien verkaufte. Aber auch nach dem 17. Jh. wurden prominente Wetterereignisse wie etwa die Jahrmärkte auf der zugefrorenen Themse und anderen Flüsse in Gemälden und der zeitgenössischen Literatur festgehalten.

 

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6. Französische Revolution

Im Verlauf der Neuzeit waren europäische Staaten aufgrund des Zugewinns an Ackerland und Verbesserungen der Agrartechniken, der Infrastruktur, der Verkehrs- und Kommunikationstechnologie und des Effizienzgrades von Bürokratien und Regierungen immer mehr dazu in der Lage, regionale Hungerkatastrophen auszugleichen und so sozialen Unruhen zuvorzukommen. Hungerkatastrophen galten bereits im 18. Jahrhundert als Zeichen schlechter Regierung. So auch im Falle Frankreichs, wo laut Brian Fagan und Wolfgang Behringer ungünstige Klimaereignisse im Zusammenspiel mit einer falschen Wirtschaftspolitik das Entstehen der Französischen Revolution begünstigten.[7]
Nachdem das Maunderminimum ein Jahrhundert zuvor schlechte Ernten und Kälteeinbrüche bewirkt hatte, verursachte der achtmonatige Ausbruch des Vulkans Laki (1783-1784) auf Island ähnliche klimatische Schwankungen: Der Ausbruch tötete unmittelbar durch den Austritt von Fluorgasen eine große Anzahl von Menschen und Vieh und beförderte erhebliche Mengen von Schwefelverbindungen und Schwebstoffen in die Atmosphäre, die zu einer Abkühlung des Klimas und Missernten führten. Ungünstigerweise hatte sich Frankreich, das gerade zu einer Freihandelspolitik überging, zu dieser Zeit zur Auflösung der staatlichen Vorratshaltung entschieden – das Land glich ab 1785 einem Pulverfass. Die Lage verschärfte sich zusätzlich gegen Ende des Jahrzehnts, als Frankreich 1788 ein extremes Dürrejahr erlebte und Hagel ganze Landstriche verwüstete. Nach einem sehr kalten Winter 1788 brachte das Frühjahr 1789 zudem heftige Überschwemmungen auf die erneut eine Dürre folgte, die ganze Flussläufe austrocknen ließ. Der Brotpreis, schon immer ein Indikator gesellschaftlicher Stabilität, stieg im Zuge dieser Entwicklungen in dramatische Höhen und erreichte am 14. Juli 1789 – dem Tag des Sturms auf die Bastille – seinen Höhepunkt. Obwohl politische, soziale und kulturelle Faktoren Ausbruch und Verlauf der französischen Revolution maßgeblich bestimmten, so lässt sich zumindest konstatieren, dass die französische Revolution auch eine Revolution des Hungers beruhend auf klimatisch bedingten Schwankungen war.[8]

 

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7. Die Erinnerung an die Kleine Eiszeit

Heutzutage wird die Kleine Eiszeit häufig mit der Debatte um die Auswirkungen und Mechanismen des Klimawandels in Verbindung gebracht und spielt eine wichtige Rolle bei der Erstellung von Klimamodellen. Da das Konzept von Eiszeiten erstmals 1837 formuliert wurde, hätten Zeitgenossen des 14. bis 18. Jahrhunderts mit dem Begriff der Kleinen Eiszeit wahrscheinlich kaum etwas anfangen können: Obwohl das Wachstum von Gletschern in ganz Europa, das Versagen von Ernten im Zuge veränderten Wetters und die Wiederkehr von Permafrost auf Grönland auch von Zeitgenossen wahrgenommen wurden, fehlten ihnen sowohl langfristige Archive als auch entsprechende naturwissenschaftliche Deutungsmodelle, um diesen Phänomenen einen Sinn zu geben. Deshalb ist die Erinnerung an die Kleine Eiszeit zwischen Zeitgenossen und heutigen Lesern grundverschieden.

 

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8. Historiker und Klimadeterminismus

In der Geschichtswissenschaft wurde das Konzept der Kleinen Eiszeit zum ersten Mal von Gustaf Utterström (1911-1985) verwendet, um die Krisenzeit Skandinaviens während des 16. und 17. Jahrhunderts zu erklären. Damit wandte er sich gegen den vorherrschenden Trend der Sozialgeschichte nach 1945, die nicht-menschliche Faktoren innerhalb der Geschichte gegenüber menschlichen vernachlässigte. Aufgegriffen wurde Utterströms Ansatz der Klimageschichte unter anderem von dem Historiker der Annales-Schule, Emmanuel Le Roy Ladurie. Ladurie forderte in der Folge Historiker zur Sammlung von Klimadaten auf[9] und verfasste ein Standardwerk der Klimageschichtsschreibung.[10] Weitere Historiker, die sich mit der Kleinen Eiszeit befasst haben, sind Brian Fagan, Wolfgang Behringer, Christian Pfister, Rüdiger Glaser und Rudolf Brazdil.
Für Historiker ist der Umgang mit der Kleinen Eiszeit insofern schwierig, als einzelne Ereignisse nicht immer eindeutig mit den langfristigen klimatischen Prozessen in Verbindung zu bringen sind. So waren einige Winter und Sommer im mittelalterlichen Optimum durchaus kälter als in der Kleinen Eiszeit. Ebenso wenig ist klar, ob beispielsweise ein verregneter Sommer oder ein schwerer Sturm als Folge eines insgesamt kälteren Makroklimas oder doch nur als punktuelles Ereignis zu deuten sind. Zudem können Erklärungen von gesellschaftlichen Ereignissen und Prozessen über klimatische Faktoren leicht zu einem Klimadeterminismus führen. Obwohl die klimatischen Veränderungen der Kleinen Eiszeit sich mit Sicherheit auf die spätmittelalterliche und neuzeitliche Gesellschaft Europas ausgewirkt haben, können gesellschaftliche Entwicklungen nur in wenigen Fällen – wie bei den Wikingern auf Grönland – direkt auf klimatische Veränderungen zurückgeführt werden. In wirtschaftlich-kulturell enger gekoppelten Gegenden Europas wie etwa im deutschsprachigen Raum können gesellschaftliche Transformationsprozesse nicht auf Klimaphänomene reduziert werden.

 

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