Das Waldsterben
Kapitelübersicht - Ökologische Zeiten - Das Waldsterben
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Wege der Erinnerung
Verwandte ThemenElektrofilter; Die WaBoLu; Seveso ist überall; Blauer Himmel über der Ruhr; Das Umweltprogramm; GAU; Tempolimit; Der Spiegel; Die Grünen
LiteraturKenneth Anders, Frank Uekötter, "Viel Lärm ums stille Sterben: Die Debatte über das Waldsterben in Deutschland," Frank Uekötter, Jens Hohensee (eds.), Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Ökoalarme (Stuttgart, 2004), S. 112-138.
Fußnoten[1] Heinz Ellenberg, Blatt und Nadelverlust oder standörtlich wechselnde Ausbildung des Photosynthese-Apparats? Fragen zum Waldschadenbericht 1992, in: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 145 (1994), S. 413-416.
BildnachweisSonderbriefmarke der Deutschen Bundespost von 1985. |
Kaum ein Umweltproblem hat die Bundesrepublik so tief bewegt wie die Warnungen vor einem großflächigen Absterben der Wälder in Mitteleuropa, die Anfang der 80er Jahre Schlagzeilen machten. Auslöser waren beunruhigende Forschungsergebnisse von Forstwissenschaftlern wie Peter Schütt und Bernhard Ulrich, die von Journalisten begierig aufgegriffen wurden. Den Durchbruch markierte eine dreiteilige Serie im Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Herbst 1981, die reißerisch von "Giftschwaden" aus "schwefelspuckenden Monsterschlote[n]" sprach, die wirkten "wie chemische Waffen – nur weniger rasch". Seither eskalierten die Bedrohungsszenarien: In 20, ja vielleicht sogar zehn oder nur fünf Jahren würde der deutsche Wald verschwunden sein.
1. VorgeschichteSchon im 19. Jahrhundert war die Schädigung der Vegetation durch saure Gase Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Allerdings galt dies als ein regionales Sonderproblem, das vor allem im Umkreis von Metallhütten und anderen Betrieben auftrat, die schädliche Gase in besonders hohen Konzentrationen ausstießen. Für die Regelung solcher Konflikte stand ein breites Spektrum technischer und administrativer Mittel zur Verfügung, darunter häufig auch Entschädigungszahlungen, so dass der Streit um die "Rauchschäden" nie die Bedeutung des Streits um die Holznot [Verweis Erinnerungsort Nachhaltige Waldwirtschaft] erlangte.
2. Ein GemeinwohlthemaDie Debatte über das Waldsterben folgte Diskussionen über die Gefahren der chemischen Industrie und der Atomkraft. Während diese Debatten hochgradig kontrovers verliefen und einige Anti-Atom-Demonstrationen in bürgerkriegsähnlichen Zuständen kulminierten, besaß die Sorge um den sterbenden Wald stets ein gesellschaftlich integrierendes Element. Jeder wollte den Wald retten – von linken Umweltschützern bis Franz Josef Strauß.
3. Umweltbewegung im AufschwungBei der Entdeckung des Waldsterbens hatten Umweltverbände keine Rolle gespielt. Ihr Unmut richtete sich eher gegen Atomkraftwerke; Kohlekraftwerke galten im Atomkonflikt als tendenziell günstigere Alternative. Rasch zeigte sich jedoch, dass Aktionen gegen das Waldsterben in der breiten Öffentlichkeit eine enorme Resonanz erzielten. Im Verlauf der Debatte wurden Umweltschützer populär wie nie zuvor: Bei der Bundestagswahl im März 1983, die in die Hochzeit der Waldsterbensdebatte fiel, zogen die Grünen mit 5,6 Prozent der Wählerstimmen erstmals in den Bundestag ein.
4. Rauchgasentschwefelung und AutomobilkatalysatorSchon in den siebziger Jahren hatten Politiker und Experten hinter den Kulissen über eine Großfeuerungsanlagen-Verordnung verhandelt, die Obergrenzen für den Schwefelausstoß der Kraftwerke enthielt. Unter dem Eindruck der Waldsterbensdebatte wurde die Verordnung wesentlich verschärft und zum 1. Juli 1983 in Kraft gesetzt. Binnen fünf Jahren mussten alle bundesdeutschen Kraftwerke mit Reinigungsanlagen nachgerüstet werden. Zugleich forcierte die Bundesregierung den Einbau von Katalysatoren zur Reinigung der Automobilabgase. Beide Maßnahmen waren umstritten, erwiesen sich jedoch für andere europäische Länder als wegweisend. Es war nicht zuletzt das Waldsterben, durch das die Bundesrepublik den Ruf eines umweltpolitisch führenden Landes erwarb.
5. Forschung im AufwindWaldsterben war nie ein wissenschaftlicher Begriff, sondern eine populäre Zuschreibung. Wissenschaftler sprachen von "neuartigen Waldschäden" und "Komplex-Erkrankungen", was im Grunde genommen nur eine freundliche Umschreibung der Tatsache war, dass Ursachen und Folgen der Krankheitsbilder nicht zuverlässig beurteilt werden konnten. Aus diesem Grund investierte die Politik massiv in die wissenschaftliche Forschung. Von 1982 bis 1992 wurden in der Bundesrepublik mehr als 850 Forschungsprojekte mit insgesamt rund 465 Millionen DM gefördert.
6. Die WaldschadensberichteUm Klarheit über den Zustand des Waldes zu gewinnen, führten die Forstverwaltungen ein groß angelegtes Umweltmonitoring ein. Seither gehört der alljährliche „Waldschadensbericht" zu den politischen Ritualen der Bundesrepublik. Gemessen wird der Entlaubungsgrad der Bäume – ein umstrittener Indikator, da sich viele Erkrankungen und Probleme der Wälder in diesem Symptom nur unzulänglich spiegeln. Auch deshalb wurde der „Waldschadensbericht" 1988 in „Waldzustandsbericht" umbenannt; seit 2007 verzichtet das Bundeslandwirtschaftsministerium auf eine Pressekonferenz und veröffentlicht den Bericht im Internet.
7. Zweifel an der DiagnoseWissenschaftler hatten von Anfang an ihre Zweifel, ob das großflächige Absterben tatsächlich eintreffen würde. In der hitzigen öffentlichen Debatte landete man mit entsprechenden Bemerkungen jedoch rasch im Abseits. Erst in den neunziger Jahren hatte sich die Erregung so weit gelegt, dass man die Diagnose öffentlich kritisieren konnte. So schrieb der renommierte Göttinger Biologe Heinz Ellenberg 1992 in der Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen: "Als Vegetationsökologe hege ich schon seit Beginn der 'Waldsterben'-Diskussion solche Zweifel [an der Methode der Waldinventur]. Trotzdem habe ich mich bisher nicht öffentlich zu Wort gemeldet, weil ich das durch die Medien rasch gesteigerte Umweltbewusstsein im Hinblick auf die zweifellos zunehmende Luftverschmutzung schon des Menschen wegen nur begrüßen konnte und die politischen Auswirkungen nicht verzögern wollte." [1]
8. Die Stunde der RenegatenFür manche wurde das Ausbleiben des Waldsterbens zu einem klassischen "falschen Öko-Alarm". So schrieben Dirk Maxeiner und Michael Miersch in ihrem Lexikon der Öko-Irrtümer: "Daß die Wälder in Deutschland bestens gedeihen und die erwarteten Waldschäden regional begrenzt blieben, ist zwar offensichtlich, doch der Glaube an das Waldsterben wurde längst zur Gesinnungsfrage. Wer zweifelt, fliegt aus der grünen Kirche." [2]
9. Und wie geht es unterdessen dem Wald?Das großflächige Sterben der Wälder blieb aus; aber das bedeutete noch lange nicht, dass die Bäume tatsächlich gesund sind. Allerdings krankt die Debatte über die Probleme der Wälder bis heute an den Stereotypen der Waldsterbensdebatte, die nur eines von vielen möglichen Krankheitsbildern darstellen. Als das komplexeste aller Landökosysteme ist der Wald für pauschale Schadensdiagnosen nun einmal zu vielfältig.
10. Neulich im BundestagWie sehr das Waldsterben nach wie vor bewegt, zeigte sich im Herbst 2009. Heinz Riesenhuber hielt als Alterspräsident des Bundestags die erste Rede der neuen Legislaturperiode und stellte die rhetorische Frage: "Wer redet heute noch vom Waldsterben?" Die Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Renate Künast, reagierte mit einem Zwischenruf: "Wir!" [3]
Verantwortlich für diesen Erinnerungsort: Frank Uekötter
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